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"Rekorde"
                           
                                                                                                          

Die größten Wirbelstürme -
ein Derecho im Erzgebirge

So eine Situation wie diese im August 2005 im Erzgebirge haben wir in Deutschland wohl noch nicht erlebt. Der orkanartige Sturm hat gewütet und hat sich dabei bestimmte Waldstücke regelrecht herausgepickt. Er hat Bergrücken nicht angerührt. So ist auf dem Fichtelberg zum Beispiel so gut wie nichts passiert. Dafür tobte er sich in den Tälern aus. Er hat ganze Kahlschläge produziert, Schneisen geschlagen, oftmals aber auch nur einzelne Brüche in den Beständen verursacht.

Was da durch ihre Wälder gerast ist, konnten selbst Fachleute nicht sofort wissen. Es war kein Tornado, wie es zuerst noch von den Meteorologen für möglich gehalten wurde. Bei diesem Sturm handelte es sich um ein ganz besonderes Phänomen, das in Deutschland sehr selten auftritt. Die Amerikaner haben ihm den Namen "Derecho", was soviel wie vorwärts heißt, gegeben. Diese Bezeichnung verdienen nur sehr schwere Stürme. Es geht dabei um eine ganz spezielle Art von Gewittern. Sie entstehen, wenn sich viele Gewitterzellen zu einem Bogen zusammenschließen. Dabei kommt es zu äußerst hohen Windgeschwindigkeiten. 250 Stundenkilometer sind da möglich. In Erlabrunn, am Fichtelberg sowie im ostsächsischen Zinnwald habe man am Wochenende Spitzengeschwindigkeiten von 146, 155 bzw. 191 Stundenkilometern gemessen, so sagt ein Wetterexperte.
Wenn man sich diese Windgeschwindigkeiten ansieht, ist es erstaunlich, dass viele Häuser unbeschadet geblieben sind. Heimgesucht wurde dagegen z.B. das Krankenhaus in Erlabrunn - aber Glück im Unglück: Es wurde "nur" ein Dach zerstört und Menschen kamen nicht zu Schaden. Aber rundherum hat es Bäume geknickt, starke, gesunde Bäume, und auch ein Großteil des Zaunes war zerstört worden. Aber als ich das letzte Mal im Erzgebirge war, am 17.September - da war der Zaun schon instand gesetzt. Vor dem Sturm aber hatte man von der Straße aus keinen Blick auf das Krankenhaus, das hatten die dort stehenden Bäume verhindert.

  

Vom Derecho heimgesucht wurden fast gleichzeitig Teile Bayerns, Tschechiens und Österreichs. Auch die Ausbreitung über ein derartig großes Gebiet - immerhin etwa 400 Kilometer - habe man bisher in Mitteleuropa sehr selten erlebt, weiß ein Experte. Laut dieser Schilderung haben die Forstleute also Grund zu der Hoffnung, dass sich ein Derecho nicht so schnell wieder meldet. Für sein eigenartiges "Zugreifen" und „Umherspringen" sind übrigens Verwirbelungen verantwortlich. Das Geschehene ist keine unüberwindbare Katastrophe, darin sind sich die Forstleute einig. Obwohl sie zugeben, dass der Anblick der betroffenen Wälder weh tut. „Da ist oft die Arbeit von Generationen mit einem Schlag zerstört worden." Zudem habe man zahlreiche Bestände erst in jüngster Vergangenheit zu Mischwäldern umgebaut.

 
Tausende Waldbäume sind bei diesem Unwetter im Erzgebirge  zu Bruch gegangen. Darüber sind die Forstleute im Erzgebirge und im Vogtland - aber sicher nicht nur sie - schockiert. Eine Bestandsaufnahme der Schäden nach dem schweren Unwetter am Wochenende hat teilweise erst gestern die verheerenden Ausmaße sichtbar gemacht. Vorsichtigen Schätzungen zufolge gingen insgesamt etwa 200.000 Kubikmeter Holz zu Bruch. Mindestens bis zum Jahresende wird man brauchen, um das Bruchholz aus den Beständen zu bringen, so die Auskunft des Landesforstpräsidiums in Graupa. In welchen Größenordnungen sich der finanzielle Schaden bewegt, kann man noch nicht ermessen.
Mancherorts muss man neu beginnen. Die Reviere der Forstämter Neudorf und Eibenstock gehören zu denen, die am stärksten geschädigt wurden. Aber auch Lauter, Grünhain, Schönheide und Klingenthal sind hart getroffen. Jetzt beginnt das große Aufräumen. Zunächst gilt es, die öffentlichen Verkehrswege freizubekommen. So gibt es z.B. eine Vollsperrung zwischen Tellerhäuser und dem Ortsteil Zweibach. Mit der Polizei und der Straßenmeisterei Aue wollen das die Forstfachleute in ganz wenigen Tagen bewältigen. In einigen Forstamtsbereichen liegt die Menge des Bruchholzes über der des jährlichen Einschlag-Planes. Deshalb wird dieser Plan außer Kraft gesetzt, ein neuer erstellt, denn nun können einige Reviere mehr liefern als geplant war. Einbußen beim Holzverkauf wird es jedoch geben. Dazu kommen höhere Aufbereitungskosten ...
In der Kliniken Erlabrunn gGmbH, wo der Sturm unter anderem an einem Gebäude 600 Quadratmeter Dach abdeckte, geht man davon aus, dass der Gesamtschaden bei einer höheren sechsstelligen Summe liegen wird.
Den Wanderern und Pilzfreunden geben die Forstexperten den Tipp, die Gebiete mit Bruchschäden unbedingt zu meiden. Gefahr lauere überall. Die zum Teil kreuz und quer liegenden Stämme hätten oftmals eine enorme Spannkraft in sich. Und ein hochschnellender Baum kann wie eine tödliche Waffe wirken.

Quelle: "Freie Presse" vom 02.08.2005


Seite erstellt: 09.08..05, geändert: 28.03.07